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Künstliche Intelligenz
6. Januar 2026
Aktualisiert: 8. Januar 2026
6 Min. Lesezeit

"I've never felt this much behind as a programmer" - and I love it

KI-Agenten verändern gerade, wie wir Software bauen. Ein philosophisch angehauchter Erfahrungsbericht mit praktischem Tutorial: Von der Idee zum funktionierenden System in Stunden statt Wochen.

Julian Wagner

Julian Wagner

Gründer & Technical Lead

Code auf Bildschirm mit KI-Visualisierung
"I've never felt this much behind as a programmer. The profession is being dramatically refactored as the bits contributed by the programmer are increasingly sparse and between."- Andrej Karpathy, Ex-Tesla AI, OpenAI

Ich kenne dieses Gefühl. Aber bei mir löst es keine Angst aus, sondern Neugier. Es fühlt sich an wie ein Umbruch. Nicht wie eine Bedrohung, sondern wie ein Aufbruch. Wann hat man schon mal die Chance, live dabei zu sein, wenn sich die Spielregeln fundamental ändern?

Die letzten Wochen haben mir gezeigt: Wir stehen gerade an einem Wendepunkt. Nicht in fünf Jahren, nicht irgendwann, sondern jetzt. Und das Verrückte ist: Es fühlt sich nicht bedrohlich an. Es fühlt sich faszinierend an.

Feiertage 2025: Mehr gebaut als im ganzen Jahr

Aber von vorn. Über die Feiertage ist etwas passiert. Ich habe mehr private Projekte umgesetzt als im gesamten letzten Jahr. Nicht gehackt, nicht schnell zusammengeklickt, sondern wirklich gebaut. Produktionsreifer Code.

Die meiste Zeit war ich natürlich mit meiner Familie, meiner Frau und unseren Kids. Und ja, wir haben auch viele der Projekte im und ums Haus erledigt, die schon länger auf der ToDo Liste standen. Regalbretter montieren, Keller aufräumen, die üblichen Verdächtigen.

Eigentlich wollten wir im Urlaub nicht arbeiten. Ich hab's trotzdem getan.

Aber wenn man liebt, was man tut, ist es keine Arbeit. Es entspannt mich, tief in einen Coding-Kaninchenbau abzutauchen. Private Projekte sind für mich Meditation. Kein Zeitdruck, keine Stakeholder, nur ich und ein Problem, das gelöst werden will. Der Kaninchenbau ist ein guter Ort.

Was entstanden ist

Das erste Projekt: Ein automatisiertes Ideen-Management-System. Das Setup:

  • Zentrale IDEAS.md als Capture-File für alle Einfälle
  • Ein Automation Script, das Ideen erfasst, Research-Ordner anlegt und automatisch Claude-Sessions startet
  • Ein Research Template, das Marktanalyse, technische Umsetzung, Use Cases und Go-to-Market abdeckt

Dazu Habs, ein minimalistischer Habit Tracker (wartet gerade auf App Store Freigabe), und SiteBeReady, ein Tool für automatisierte SEO- und GEO-Checks von Webseiten.

Was mich selbst überrascht hat: Der Code ist nicht "okay", sondern richtig gut. Wir sind 2026 sehr weit entfernt von "AI Slop". Wenn man versteht, was man tut, und den Prozess kontrolliert, ist das Ergebnis professionell.

Die Gutenberg-Presse für Software

Karpathy beschreibt in seinem Tweet eine neue Abstraktionsebene: Agents, Subagents, Prompts, Contexts, Memory, Modes, Permissions, Tools, Plugins, Skills, Hooks... Ein mächtiges Alien-Tool wurde uns in die Hand gedrückt, ohne Anleitung. Jeder muss selbst herausfinden, wie man es hält.

Klingt beängstigend? Vielleicht. Aber ich sehe es anders:

Das ist die Gutenberg-Presse für Software.

Um 1450 hat Gutenberg den Buchdruck erfunden. Plötzlich konnte Wissen verbreitet werden, nicht mehr nur von Mönchen abgeschrieben, sondern gedruckt. Die Konsequenz: Reformation, Aufklärung, wissenschaftliche Revolution. Ein einzelnes Tool hat die Welt verändert.

Wir erleben gerade etwas Ähnliches. Software-Entwicklung bewegt sich von einer handwerklichen Tätigkeit zu einem industriellen Prozess. Was früher Wochen gedauert hat, dauert Stunden. Was früher Spezialwissen erforderte, wird zugänglich.

Und genau das ist der Punkt: Es ist nicht bedrohlich, es ist faszinierend.

Als neugieriger Nerd reizt mich das ungemein. Immer vorn dabei sein, neue Dinge ausprobieren, die Geschwindigkeit erleben. Das ist für mich keine Arbeit, das ist Spielwiese. Jeden Tag gibt es etwas Neues zu entdecken. Jeden Tag verschieben sich die Grenzen dessen, was möglich ist. Wann war das zuletzt so?

Aber genug Philosophie. Lass uns konkret werden. Was genau ist eigentlich ein Agent Loop, und warum verändert er alles?

Was ist ein Agent Loop?

Für alle, die noch nicht tief im Thema sind, hier die Kurzversion:

Ein Agent Loop ist im Kern simpel:

  • Du sagst, was du willst (in natürlicher Sprache)
  • Der Agent tut es (schreibt Code, erstellt Dateien, führt Befehle aus)
  • Du checkst das Ergebnis und gibst Feedback
  • Repeat

Das Besondere: Der Agent arbeitet autonom, aber du behältst die Kontrolle. Du bist der Architekt, der Agent ist der Bauarbeiter mit unendlicher Geduld und Präzision.

Der Unterschied zu "ich copy-paste Code aus ChatGPT": Der Agent hat Kontext. Er kennt dein Projekt. Er kann Dateien lesen, schreiben, Terminal-Befehle ausführen. Er ist nicht stateless, sondern versteht den Zusammenhang.

Übrigens: Der Name "Claude Code" ist irreführend. Ja, es kann Code schreiben. Aber es kann genauso gut recherchieren, Marktteilnehmer analysieren, Ideen bewerten, Dokumentationen erstellen oder komplexe Themen zusammenfassen. Und wenn du willst, bekommt er Zugriff auf deine Daten – Dateien, Wissen, E-Mails, Kalender. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Das "Code" im Namen bezieht sich auf die Arbeitsweise (Terminal, Dateisystem), nicht auf den einzigen Anwendungsfall.

Hands-On: Claude Code in 10 Minuten

Genug Theorie. Hier ist der praktische Teil – wie du heute noch starten kannst.

Installation (Mac/Linux)

curl -fsSL https://claude.ai/install.sh | bash

Das war's. Fertig.

Oder: Die Desktop-App (für Terminal-Skeptiker)

Falls du keine Lust hast, dich durchs Terminal zu wühlen – versteh ich. Seit Kurzem gibt's Claude Code auch als Desktop-App. Gleiche Power, schickere Oberfläche. Ein Klick auf claude.ai/download, installieren, fertig.

Der Vorteil: Du kannst mehrere Sessions parallel laufen lassen, Git Worktrees nutzen und sogar Cloud-Sessions direkt aus der App starten. Für alle, die lieber klicken als tippen – das ist euer Ding.

Erstes Projekt starten

Navigiere in dein Projektverzeichnis und starte Claude:

cd dein-projekt
claude

Bei der ersten Ausführung wirst du zur Authentifizierung weitergeleitet. Du hast drei Optionen:

  • Claude Console: Standard-Option mit API Billing
  • Claude Pro/Max Plan: Wenn du bereits ein Abo hast

Dein erster Prompt

Fang klein an. Sag zum Beispiel:

"Erstelle mir eine einfache HTML-Seite mit einem Zähler. Button zum Hochzählen, Button zum Runterzählen. Modernes, minimalistisches CSS."

Beobachte, was passiert. Claude liest dein Verzeichnis, erstellt Dateien, erklärt was er tut. Du kannst jederzeit eingreifen, Feedback geben, die Richtung ändern.

Der Lerneffekt

Das Geniale: Du lernst dabei. Du siehst, wie Claude Probleme angeht, wie er Code strukturiert. Du entwickelst ein Gefühl dafür, was gute Prompts sind und was schlechte.

Nach ein paar Sessions wirst du merken: Die Qualität des Outputs hängt direkt von der Qualität deiner Kommunikation ab. Wie bei einem sehr fähigen, aber kontextlosen Mitarbeiter.

Der Moment, in dem es "klick" macht

Irgendwann passiert dieser Moment: Du realisierst, dass die Limitierung nicht mehr die Technik ist. Die Limitierung bist du – deine Ideen, deine Klarheit, dein Verständnis davon, was du eigentlich willst.

Und dann öffnet sich eine Tür.

Plötzlich sind Projekte machbar, die du jahrelang vor dir hergeschoben hast. "Irgendwann baue ich mal..." wird zu "Heute Abend baue ich...".

Ressourcen zum Weitermachen

Wenn du tiefer einsteigen willst:

Claude Code in Action – Der offizielle 2-Stunden-Kurs von Anthropic. Hands-on, praxisnah, kostenlos.

Ralph Wiggum: Autonomous Loops – Ein Plugin, das Claude Code in eine persistente Schleife verwandelt. Du definierst ein Ziel, und Claude iteriert so lange, bis es erreicht ist. Besonders spannend für große Refactorings oder Batch-Operationen. Die Philosophie dahinter: Lass Claude wiederholt scheitern, bis es klappt. (Software Engineering in a nutshell.)

My Experience with Claude Code – Für alle, die noch tiefer einsteigen wollen: Ein sehr umfangreiches HowTo mit praktischen Tipps und Erfahrungen.

Fazit: "Roll up your sleeves"

Wir befinden uns gerade in einer der faszinierendsten Phasen der Tech-Geschichte. Die Tools sind da. Die Lernkurve ist steil, aber machbar. Und der beste Zeitpunkt zum Starten ist jetzt.

Karpathy hat recht: Es ist ein Erdbeben der Stärke 9. Aber Erdbeben verändern Landschaften. Und manchmal entstehen dabei neue Kontinente.

Mein Rat: Installier Claude Code. Nimm dir ein kleines Projekt. Experimentiere. Mach Fehler. Lerne.

Du möchtest dich mit jemandem zu deinen Ideen austauschen? Über Karpathy und die KI-Zukunft philosophieren? Oder brauchst du Hilfe beim Einrichten und Ausprobieren? Ich bin gern da. Schreib mir.

Ich halte euch auf dem Laufenden, was ich als nächstes baue.

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Julian Wagner
Julian Wagner

Gründer & Technical Lead

Gründer von finias, Experte für KI-Entwicklung und Automatisierung.

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